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„Miss Germany 2023 ist… Kira Geiss!“

Jubel bricht aus, Leute stürmen auf sie zu, Blitzlichter flackern auf – und die junge Frau ist von dem Trubel einen Moment lang total überfordert. Doch jetzt beginnt ein neuer und spannender Lebensabschnitt für sie.

Kira Geiss, Jahrgang 2002, wächst in Wilhelmsdorf/Baden-Württemberg bei ihren Eltern mit drei Geschwistern auf. Mit 13 Jahren spielen für sie ihre Freunde, Alkohol, Rauchen, Partys und TV-Serien anschauen eine große Rolle. Sie verbringt viel Zeit in den sozialen Medien. Vor allem bei Instagram postet sie fast täglich; die Likes für ihre Bilder sind ihr wichtig. Genauso wie ihr Freund Anton. Kira macht alles mit, um ihren Freundeskreis nicht zu verlieren. Aber Anton tut ihr nicht gut: Er ist meist alkoholisiert, respektlos und gewalttätig. Nach zwei Jahren trennt sie sich von ihm.

Nach dem Realschulabschluss absolviert Kira eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing in einem Modehaus. Dort erlebt sie durch den Hausmeister unterschwellige sexuelle Belästigung durch anzügliche Sprüche und Berührungen. Die Chefin spielt alles herunter und die Kollegen glauben ihr nicht. Für die junge Frau ist es der Horror.

Später erlebt sie es leider noch einmal mit einem guten Freund, der übergriffig wird. Ihre beste Freundin lacht nur darüber – und Kira fühlt sich hilflos und unverstanden. Obwohl sie mit ihren Freunden hauptsächlich über Parties, One-Night-Stands und den letzten Filmriss redet, würde sie sich ohne ihren Freundeskreis vor der Einsamkeit fürchten. Kira ist getrieben von der Frage: „Wer sieht mich?“ Sie passt sich anderen an, um dazuzugehören.

Die Teenagerin hasst ihren Körper, findet sich zu dick und beginnt einen Kampf gegen ihr Gewicht. Sie lässt sich von Fitness-Influencerinnen inspirieren, isst nur noch Obst und Gemüse und treibt exzessiven Sport: Joggen, Kraftsport, Gewichtheben. Dabei nimmt sie zehn Kilo ab und merkt nicht, dass sie untergewichtig wird. Aber das reicht ihr nicht. Kira ist getrieben von dem Gedanken: Nur noch 2-3 Kilo, dann bin ich perfekt. Sie will durch Sport und Abnehmen das Gefühl erreichen, schön und gut genug zu sein, denn die Negativbewertungen ihres Exfreundes wirken noch nach. Ein „thigh gap“ (Oberschenkellücke) ist ihr Ziel. Doch Kira übertreibt es, bekommt Krämpfe und Schwächeanfälle. Sie muss zu einem normalen Essverhalten zurückfinden und kämpft um ein gesundes Selbstwertgefühl.

Zwei „Kirchenmädchen“ laden Kira immer wieder in den Jugendkreis ein. Erst belächelt sie die beiden. Doch als sie mal nichts Besseres vorhat, nimmt sie an einer ihrer Winterfreizeiten teil. Kira ist erstaunt über die Herzlichkeit und Lebendigkeit in der Gruppe. Das weckt eine Sehnsucht in ihr, denn sie fühlt sich leer und erkennt, dass ihr bisheriges Lebenskonzept nicht trägt. Erstmals merkt sie einen „inneren Funken … eine Mischung aus Wärme, Liebe und Nach-Hause-Kommen.“ Nach der Freizeit rennt sie förmlich jeden Freitag mit Begeisterung und Freude zum Jugendkreis und findet dort neue Freunde. Noch vor ihrem 17. Geburtstag trifft sie eine Lebensentscheidung für Gott.

2021 zieht Kira Geiss nach Magdeburg. Dort leistet sie den Bundesfreiwilligendienst und wird Mitbegründerin der Jugendgemeinde „Eastside“, die zur Landeskirchlichen Gemeinschaft Magdeburg gehört. In dieser Gemeinde werden junge Menschen musikalisch, kreativ und sozial gefördert und der Glaube an Gott wird ihnen unaufdringlich nahegebracht. Bei einer christlichen Jugend-Veranstaltung fragt der Redner, wer mit seinem Körper oder Leben nicht zufrieden wäre. Sehr viele heben die Hand. Kira ist erstaunt. Im Nachhinein betrachtet wirkt das wie ein Schlüsselmoment: In ihr wird der Wunsch geweckt, Jugendliche zu ermutigen und zu bestärken, sich selber anzunehmen wie sie sind.

Kira fragt sich langsam, was sie anderen in ihrem Insta-Profil mit ihren Beiträgen, Stories und geschönten Bildern vermittelt. Sie entfolgt allen Accounts und Influencern, die einen ungesunden Sport- und Essenskonsum vorleben, zeigt sich öfter ungeschminkt, echter und bewegt mehr Themen, die ihr wirklich wichtig sind.

Im Herbst 2022 beginnt die junge Frau ihre Ausbildung zur Religions- und Gemeindepädagogin an der Evangelischen Missionsschule Unterweissach. Doch dann wird sie auf die Miss-Germany-Wahl (MG) aufmerksam. Viele verbinden damit vielleicht bildhübsche Frauen in knappen Bikinis. Aber seit 2020 ist es kein Schönheitswettbewerb mehr. Es ist eine Auszeichnung für Frauen, die Verantwortung übernehmen und ihr Anliegen voranbringen wollen. Sie treten mit einem Thema an, mit dem sie auf die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einwirken wollen. Kira fragt sich, ob sich ihre Ausbildung mit der Misswahl vereinbaren lässt. Sie entscheidet sich für die Teilnahme und bewirbt sich für 2023 an dem Wettbewerb mit der Vision: „Förderung der jungen Generation und der richtige Umgang mit Social Media.“

Von 15000 Bewerberinnen kommt Kira Geiss unter die letzten zehn Finalistinnen! Doch auch bei MG ist nicht alles Gold, was glänzt: Eine Teilnehmerin redet von Optimierung durch Botox und Brustvergrößerung – und dass sie durch diese Wahl einfach nur berühmt werden wolle. Bei einem Fotoshooting wird Kira in einem Minikleidchen einer Herrenriege vorgeführt. Sie fühlt sich wie ein Stück Fleisch auf dem Präsentierteller.

Es gibt viel Stress hinter den Kulissen. Kira kämpft mit der Angst zu versagen. Auch Neid unter den Frauen ist ein Thema. Nach Interviews mit Radio, Zeitungen, Fernsehen ist Kira oft frustriert, wenn Falsches über sie berichtet. Oder wenn das Gesagte so verkürzt wird, dass Wichtiges auf der Strecke bleibt. Sie merkt, es geht nicht um sie oder ihre Ziele und Ideale. Es geht um die Jagd nach guten Schlagzeilen.

Die Finalistinnen müssen am Tag der Entscheidung mehrfach ihr Anliegen vortragen und werden nach Professionalität, Motivationsfähigkeit und Zuverlässigkeit bewertet. Und womit Kira nicht gerechnet hat, geschieht: Sie wird von der Jury zur „Miss Germany 2023“ gewählt.

Nach dem Gewinn besteht die Verpflichtung zu einer 2-jährigen Zusammenarbeit mit dem MG-Team. Kira Geiss erlebt in dieser Zeit Licht und Schatten. Komplimente und Hassnachrichten. Fans und Hater. Heiratsanträge und Tötungsabsichten. Ungefragten Rat. Umarmungen und Wangenküsse von Wildfremden. Grenzüberschreitungen. Die Kommentare in den Sozialen Medien rauben ihr den Schlaf. Eine Freundin empfiehlt: „Überleg dir, wer das Recht hat, in dein Leben zu sprechen.“ Kira trifft die Entscheidung, keine Kommentare mehr zu lesen, weder gute noch schlechte. Außerdem legt sie Grenzen fest, was sie nicht in der Öffentlichkeit teilen will: ihre Familie, Freundschaften, Beziehungen, Wohnort, wann, ob und wieviel Sport sie macht, politische Themen (zu denen sie noch keine feste Meinung hat).

Kira erhält Einladungen zu vielen Events. Einmal wird sie von einem betrunkenen Promi belästigt und flieht weinend in ihr Hotelzimmer. Als sie sich beruhigt hat, postet sie jedoch Fotos vom Essen, ihrem Outfit und ihrem lachenden Gesicht. Die Wahrheit hinter dem Glamour bleibt verborgen. Allerdings hat der Vorfall die positive Konsequenz, dass sie jetzt zu Events von mindestens einer Person vom MG-Management begleitet wird.

Der Traum, über einen roten Teppich zu laufen, wird wahr. Aber mal ist sie der Star des Abends und bekommt viel Aufmerksamkeit, mal wird sie durchgewunken und nicht weiter beachtet. Sie muss Events auf hochhackigen Schuhen mit schmerzenden Füßen durchhalten und mit angespannter Kopfhaut aufgrund aufwendiger Frisuren. Das ist ihr meistens nur mit Schmerztabletten möglich. Um die Verkabelung vor einem Auftritt unter der Kleidung anzubringen, steht sie oft halbnackt vor einem Tontechniker. Nach und nach wird Kiras kindliche Vorstellung der Glamourwelt entromantisiert. Sie erlebt, wie es hinter den Kulissen ist.

Kira sagt: „Macht und Erfolg haben widerwärtige Schattenseiten, für die ich keinen Raum in meinem Leben schaffen möchte.“

Der Terminkalender von Kira Geiss ist gut gefüllt. Sie hält bei Veranstaltungen Reden, ist viel auf Reisen und manchmal jeden Tag woanders. Auch im Bundestag in Berlin trägt sie ihr Anliegen vor. Sie übernachtet in Luxushotels, wie sie es als Kind erträumte, wird in hochpreisige Restaurants eingeladen, bekommt teure Modegeschenke. Kira genießt diesen Traum teilweise, liebt es, auf großen Bühnen zu stehen, fühlt sich aber immer wieder wie in einer falschen Welt. Sie erkennt: „Nur weil man viel hat, insbesondere an Luxusgütern, heißt das nicht, dass man wirklich glücklich ist.“

Bei all dem Starrummel äußert sie einmal: „Ich fühle mich leer. Ich bin ständig unter Menschen und dennoch fühle ich mich einsam.“ Ihre Gottesbeziehung ist ihr deshalb umso wichtiger. Darauf wird „Miss Germany 2023“ auch immer wieder angesprochen und ob Gott etwas mit ihrem Sieg zu tun hat. Einmal sagt sie, dass wir intellektuelle Wesen sind, die selber Entscheidungen treffen können. So habe sie sich für den Wettkampf entschieden, aber ihren weiteren Weg bewusst in Gottes Hände gelegt.

Ein Reporter fragt die MG-Gewinnerin, was von ihr übrig bleibt, wenn sie nicht Miss Germany, Jugendbeauftragte oder auf Reisen ist. Kira zählt viele Dinge auf, die sie sehr genießt. Und sie endet damit, dass sie gerne lacht, „zu lauter Musik durch die Wohnung tanzt und von ganzem Herzen Jesus und junge Menschen liebt.“

Inzwischen hat die MG-Gewinnerin eine bessere Selbstsicht und sagt zum Thema Schönheit: „Ich finde Menschen schön, die eine positive Einstellung und einen optimistischen Blick auf das Leben haben. Menschen, die empathisch und humorvoll sind. Menschen, die Leidenschaft in sich tragen und liebevoll mit ihren Mitmenschen umgehen.“ – „Am Ende glaube ich, dass Gott jeden Menschen ganz bewusst gewollt und auch schön geschaffen hat.“ – „Echte Annahme des eigenen Körpers beginnt für mich damit, sich einzugestehen, dass man sich auch mal nicht schön findet.“

Zu dieser Sichtweise hat sicher ihr Glaube an Jesus Christus beigetragen. Denn sie sagt auch: „Mit Jesus zu leben bedeutet, nicht perfekt sein zu müssen. Es bedeutet, mit meiner Unperfektheit zu ihm zu kommen und sie an ihn abzugeben.“ –

„Jesus schenkt Lebenswärme, Perspektive und Gemeinschaft… Was er vor so vielen Jahren versprochen hat, gilt bis heute und ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür.“

Das Bewusstsein, zu jeder Zeit von Jesus geliebt zu sein, gibt Kira heute Halt und Orientierung.

Auch ihren Internetkonsum hinterfragt die junge Frau: Wem will ich wirklich folgen und sind die Inhalte gewinnbringend? „Ist es die Sache wert, sich so intensiv mit dem Leben anderer zu beschäftigen, dass man dabei einen Großteil des eigenen Lebens verpasst?“ Sie steht in der Gefahr, dass die Arbeit am Laptop und in der Onlinewelt sie völlig einnimmt. Da entdeckt sie eine Werbung in ihrem Handy: „stop scrolling, start living“ (hör auf zu scrollen, fang an zu leben).

Kira Geiss nimmt sich zwei Punkte vor:

* nicht immer perfekt aussehen müssen (und Angst haben, dass sie dann jemand erkennt)

* mehr Platz für Hobbys und private Beziehungen.

Außerdem setzt sie Grenzen: Von ihrem privaten Telefon verbannt sie Instagram und andere soziale Netzwerke und belässt sie nur noch auf ihrem Arbeitshandy. Und sie ist nur noch zwischen 12-19 Uhr mit dem Handy unterwegs.

Ihr wird bewusst, dass Influencer durch ihre Meinung oder Empfehlungen die Kaufentscheidungen, Lebensstile oder politischen Ansichten ihrer Follower beeinflussen. Sie haben viel Macht und Verantwortung mit ihren Beiträgen. Das Bild, das Leute in den Sozialen Medien liefern, ist nur eine Teilwahrheit. Kira erkennt, dass auch sie selber ein geschöntes Bild von sich vermittelt. Aber sie will Inhalt posten, der junge Leute ermutigt und ihrem jüngeren Ich gut getan hätte.

Was Kira erlebt, empfindet sie als bittersüß. Sie liebt ihren bunten, wilden Alltag. Aber er verlangt ihr viel ab und hält sie manchmal nachts wach. Da sind viele Eindrücke und Gespräche, aber kaum Zeit, sie zu verarbeiten. Es gibt dauernd Entscheidungen zu treffen, nächste Events vorzubereiten. Manchmal mehrere pro Tag. Trotzdem kämpft sie immer wieder mit ihrem Körperbild, mit Übergriffen und mangelndem Selbstwertgefühl. Aber sie versucht, daran zu wachsen und andere zu ermutigen.

Kira Geiss ist Mitglied im Bündnis für die junge Generation im Bundesfamilienministerium. Als Jugendbeauftragte im Gnadauer Verband unterstützt sie die Gründung missionarischer und diakonischer Initiativen.

Inzwischen ist Kira verheiratet und absolviert seit Februar 2025 eine Ausbildung im Evangelischen Medienhaus in Stuttgart zur Multimedia-Journalistin.

Karin Schwab

Quellen:
„Bittersüße Realität: Über mein Leben, Social Media und die Glamourwelt“, Kira Geiss, ©2024 Adeo-Verlag Wetzlar; ardmediathek.de: „Miss Germany und der liebe Gott“ (9.2.2025); Pro-medienmagazin.de; evangelische-zeitung.de; promisglauben.de; sonntagsblatt.de