Von vergoldeten Erinnerungen und blühenden Hoffnungen
Zum Themenkreis „Loslassen“ und „Erinnerungskultur“ entdecke ich beim Besuch einer großen Buchhandlung ein nahezu unüberschaubares Sortiment an Ratgebern. Bücher vom Aufräumen und Entrümpeln, vom Umgang mit missglückten Beziehungen, zur Vergangenheitsbewältigung und letztendlich Trauerratgeber. Loslassen entpuppt sich als eine lebensfüllende, herausfordernde Aufgabe. Jeder von uns könnte zu diesem Thema etwas beitragen.
Wir alle reagieren ganz individuell auf Veränderungen. Während die einen dazu neigen, möglichst schnell vieles verändern zu wollen, reden andere von der guten alten Zeit. Was muss neu werden und was kann bleiben?
Natürlich fällt uns Christen dazu sofort ein, dass Gott sagt: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5) – übrigens die Jahreslosung für 2026. Das passt hervorragend zu den jungen Vorwärtsstürmenden, zu den Unzufriedenen, den Erlebnishungrigen, zu denen, die nach Gerechtigkeit hungern. Zu jenen, die eine Sehnsucht haben nach den Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes …
Beim Nachdenken darüber fällt uns aber auf, dass es auch einige biblische Aussagen gibt, die uns auffordern, nicht zu vergessen und das Frühere im Gedächtnis zu bewahren. Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Vergiss nicht, wie der Herr dich geführt und gerettet hat! Bewahre das dir anvertraute Gut!
Beide Seiten ausgewogen in unserem Leben und vor allem im Miteinander umzusetzen, fällt nicht leicht. Welche Rolle spielen dabei unsere Prägungen, Erwartungen und Bedürfnisse? Welche versteckten inneren Antreiber reden in unserem Herzen mit, wie Verletzungen, Ängste, Stolz, Selbstbestätigung und Geltungsbedürfnis? Nicht selten entstehen so Spannungen, die zerstörerisch oder mobilisierend wirken können, je nachdem, wie wir damit umgehen.
Alles neu? Das beschreibt in einer genial prägnanten Art die Absicht und Aufgabe des Evangeliums von Jesus Christus. Unsere Welt, die in der selbstverursachten Gottesferne verloren geht, bekommt eine neue Perspektive. Der Schöpfer selbst ist mit Plan, Kraft und Macht am Werk. Für die Aufhebung der tödlichen Trennung von Gott opfert er seinen einzigen Sohn Jesus. So ermöglicht er einen Neuanfang in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Jesus nimmt die trennende Schuld auf sich und lädt zu einer neuen Gemeinschaft ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“
Doch damit nicht genug. Durch ihn haben wir ein neues Leben geschenkt bekommen, das erfüllt ist mit der Zuwendung Gottes, mit Vergebung und Veränderung der Herzen. Von innen heraus, aus unseren erneuerten Herzen, können durch die unbegrenzte Macht des Heiligen Geistes alle Lebensbereiche verändert und gesund werden. Und eines Tages wird die gesamte Schöpfung, Himmel und Erde, neu erschaffen werden.
Alles neu? Es geht also um viel mehr als um Strukturreformen, die Veränderung von Gottesdienstabläufen, neue Technik, neue Medien und neue Kirchen mit neuen Liedern. Alles wird neu – beginnend in unseren Herzen bis zum letzten Winkel des Kosmos. Bis das Urteil Gottes wieder erklingt: Siehe, es ist sehr gut!
Doch Erneuerung kann auch weh tun, verunsichern, Angst machen. So ist es naheliegend, sich die „guten“ alten Zeiten zurückzuwünschen. Eine Verlockung auch in unseren Tagen. In den Erinnerungen vieler Menschen wird so manche Vergangenheit vergoldet.
Doch schon das alte Sprichwort: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ warnt uns davor, Dinge vorschnell nach ihrem ersten Anschein zu beurteilen. Manche erinnern sich mit einem Schmunzeln an die guten alten Digedags aus den Mosaik-Heften, die es zu DDR-Zeiten gab. Die haben dem Thema „Katzengold“ – einem Mineral, das auf den ersten Blick wie Gold aussieht – ein ganzes Heft gewidmet. So mancher Goldrausch endet in einem jähen Erwachen. Die Träume zerplatzen wie bunt schimmernde Seifenblasen.
Es geht also darum, die Dinge zu bewahren, die wirklich wertvoll sind. Geschenke Gottes mit Ewigkeits-Charakter. Den Inhalt der christlichen Traditionen, nicht unbedingt ihre Form. Die Erkenntnisse unserer geistlichen Väter und Mütter sind wertvoll, denn sie sind in ihrem Leben erprobt worden. Das Gute davon sollen und wollen wir behalten und Antworten darauf finden, wie wir sie heute umsetzen und sie an die nächste Generation weitergeben.
Das klingt alles recht logisch. Doch die Herausforderung bleibt: Was gilt es zu bewahren, was sollen und können wir loslassen? Und wo gilt es Neues zu erwarten? Damit dies alles in einer guten Weise gelingen kann, benötigen wir Weisheit.
Da liegt es nahe, in den biblischen Weisheitsbüchern nachzuschauen. Gibt es dort Hinweise zum Umgang mit Veränderungen? Das ist eine spannende Entdeckungsreise.
Einen Rat dazu finden wir im Buch Prediger: „Frag nicht: Warum war früher alles besser?” (7,10)
„Früher war alles besser!“ Das ist ein bekannter Ausspruch auch in unseren Tagen. Aber stimmt er? Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Erinnerungen sich verändern – mit jedem Erzählen ein klein wenig. Die guten werden immer besser, die schrecklichen immer fürchterlicher. Und manches verschwindet gänzlich.
Bei einem meiner Klassentreffen wurden die alten Geschichten wieder lebendig. Über jeden wurde etwas erzählt. Als ich an der Reihe war, wurde ich ganz still. Die anderen wussten übereinstimmend eine Menge über mich zu berichten. So richtig gut kam ich dabei nicht weg. Aber in meinem Gedächtnis waren einige dieser Ereignisse nicht mehr vorhanden. Ich hatte im Laufe der Jahre so manches aussortiert. So richtig super war es wohl früher doch nicht.
Ein Blick in die Geschichtsbücher und Biografien vergangener Zeiten zeigt uns, dass es zu allen Zeiten Gutes und Schlechtes gab. Auch die Geschichte der Christenheit kennt viele Höhen und Tiefen. Hat Gott nicht früher auch in unserem Land große Aufbrüche geschenkt? Wo sind sie heute? Ja, so wirklich viel davon sehen wir heute nicht. Aber wer bewirkte diese Aufbrüche? Es waren Gnadengeschenke Gottes! Durch seinen Geist machte er das Erstarrte und Eingeschlafene wieder neu lebendig. Ist er nicht auch heute noch der Unveränderliche, der Gott der Schöpfung, der Lenker der Geschichte, der Herr der Gemeinde, unser Herr und Retter?
„Früher war alles besser” – diese Aussage entspricht so nicht der Wahrheit. Wir merken, sie kann unseren Blick und unsere Erwartung in eine falsche Richtung lenken. Wir sind in der Gefahr, zu sehr in der Vergangenheit zu leben. Darüber vergessen wir leicht, uns die Frage zu stellen: Was tut Gott in unseren Tagen? Wo sehen wir heute sein Wirken?
Wenn wir uns etwas Zeit zur Beobachtung und zum Nachdenken lassen, dann merken wir: Gerade jetzt leben wir in einer Zeit der Veränderung. Altes, unbrauchbar Gewordenes fällt zusammen. Platz für Neues entsteht. Die Notwendigkeit der Erneuerung der Christenheit in unserem Land wird immer mehr sichtbar. An manchen Orten bricht schon ein neuer Hunger nach Gottes Wort auf. Junge Menschen stehen für Jesus auf. Christen versammeln sich wieder neu zum Gebet. Vielleicht sieht manches nicht so gewaltig aus.
Aber ist es sinnvoll, nur eine Wiederholung alter Ereignisse neu zu erwarten? In dieser festgelegten Erwartung übersehen wir leicht, was sich gerade tut. Doch schon der Prophet Sacharja warnte davor, den Tag der kleinen Anfänge gering zu schätzen (4,10). Wir brauchen nur an die Weihnachtsgeschichte zu denken und sehen: Gottes Wirken beginnt oft im Kleinen, im Verborgenen, und entwickelt dann eine ungeahnte Dynamik. Ein Kind in der Krippe – was soll daran revolutionär sein? Und doch, wer seine Erwartung auf Gottes Eingreifen gerichtet hat, dem kam eine himmlische Botschaft zu Hilfe. Das gilt auch in unseren Tagen.
Frag nicht: Warum war früher alles besser?
Natürlich sind viele von uns beunruhigt durch die zunehmend polarisierenden Entwicklungen in unserem Land, in Europa und in vielen Ländern der Erde. Dass in unserem Land nach 80 Jahren Frieden so oft und selbstverständlich wieder über Krieg gesprochen wird, macht uns Angst. Die Geschehnisse in Israel haben uns erschüttert. Wie wird es weitergehen?
Unser Text aus Prediger 7 sagt: Wir können es nicht wissen. „Wenn es dir gut geht, dann freu dich über dein Glück, und wenn es dir schlecht geht, dann bedenke: Gott schickt dir beides, und du weißt nie, was die Zukunft bringen wird“ (V. 14).
Aber wir wissen aus der Schrift und der Geschichte, dass Gott oftmals Zeiten der Verunsicherung nutzt, um Menschen aufzurütteln und zur Rettung zu rufen. Oswald Chambers schrieb einmal, dass wir mit unseren Wünschen und Fürbitten um eine schnelle Abwendung des Unglücks manchmal auch Gott im Wege stehen können. So kann die Sehnsucht nach der guten alten Zeit uns blind machen für sein heutiges Handeln.
Frag nicht: Warum war früher alles besser?
Wir alle sind aufgerufen, einander zu ermutigen und zu helfen, auf Jesus zu schauen, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens. Welche Botschaft geben wir an die nächste Generation weiter? Wir sind aufgerufen, die großen Taten Gottes weiterzugeben. Auch wir waren vielleicht keine Helden. Und dennoch – oder gerade deshalb – hat Jesus auch durch unser Leben hindurch gesprochen und gehandelt. In Zeiten der Schwäche hat er Großes an uns und durch uns getan.
Viele von uns haben geistliche Aufbrüche erlebt. Manche waren Zeugen, wie die Teilung Deutschlands durch eine Reihe von Wundern beendet wurde. Und was wissen wir, welche großen Taten Gott heute schon im Verborgenen tut oder vorbereitet …
Frag nicht: Warum war früher alles besser?
Wir wollen die dankbare Erinnerung an Gottes Handeln ins Zentrum unseres Denkens stellen. An das selbst Erlebte, das Gehörte und an die Wahrheiten der Bibel. Das lässt unter uns die Herrlichkeit Jesu sichtbar und erwartbar werden. Wir wollen einander zur Dankbarkeit ermutigen und laut und deutlich bekennen: Wir haben einen großen Gott, der weit mehr und Größeres zu tun vermag, als wir uns vorstellen können oder zu bitten wagen. •
Frank Seyfried ist OscH-Mitarbeiter. Er ist verheiratet mit Kathrin und lebt in Julbach/Inn.